Erschreckende Belanglosigkeit für einen Abend mit Mord und Totschlag in Salzburg
Vor knapp einem Jahr war ich glücklicher Besitzer einer Karte für die bis dahin zweite Osterfestspielproduktion in Salzburg unter der Vorherrschaft Christian Thielemanns. Aus Erfahrung rentiert es sich nicht nur seither die veröffentlichte Besetzungsliste der vor allem weiblichen DarstellerInnen nochmals mit der tatsächlichen zu vergleichen, aber unter CT doch immer wieder ganz besonders. Umso erstaunlicher schien doch die Tatsache, dass die Opernproduktion Cavalleria rusticana/I pagliacci, die auf den Generalprobenkarten heute nur keck mit Cav/Pag abgekürzt wurde, bereits bei der Ankündigung auf den Plakaten die wohl einzige ernst zu nehmende Hoffnung der Vorstellung ungleich Jonas Kaufmann Ambrogio Maestri gar nicht erst aufgelistet wurde. Ich habe bewusst das Wort Überraschung vermieden, da diese im Gegensatz zu den Hoffnungsschimmern zumindest zum Zeitpunkt der Generalprobe auch negativ geartet sein können. Diesbezüglich lassen sich nämlich sehrwohl zahlreiche Überraschungen bei dieser dritten Salzburger Osterproduktion nach Parsifal und Arabella in den Vorjahren konstatieren. Man beginne mit der Eigenart, dass der Regisseur der Produktion im Gegensatz zu seinen Vorgängern zumindest eingefleischten A-Haus-Besuchern der deutschen Staatstheaterszene ein Begriff sein wird. Die an das Eingangsportal des New Yorker Luna Parks in Coney Island erinnernde Bebilderung des bereits oben angesprochenen Plakats erzeugte in mir insofern auch eine angemessene Fallhöhe, die eine waschechte Enttäuschung an diesem Abend rechtfertigte.Ein Regiekonzept, das sich nicht überträgt
Unmittelbar nach dem Germanwings-Absturz am vergangenen Dienstag ist es doch erstaunlich, wie kalt einen die Umsetzung beider oftmals als veristisch bezeichneten Kurzopern an diesem Donnerstag Nachmittag doch lässt. Vielleicht ist das die eigentliche Leistung der Inszenierung, die primitivste menschliche Gefühle und Bedürfnisse einfach ohne nachzudenken auf der Bühne übersetzt und dem Zuschauer aus unterschiedlichen Einstellungswinkeln vorsetzt. Denn das muss man Herrn Stölzl lassen, trotz Mangels an Regieeinfällen, versteht er diese mit seiner Erfahrung vom Film aus unterschiedlichsten Perspektiven zum Teil mehrfach zu beleuchten. Leider hat man das Gefühl, je mehr er sich dabei auf die Darsteller verlässt, desto mehr ist er auch verlassen. Vielleicht ist es aber auch nicht die ausbleibende Inszenierungsarbeit von Philipp Stölzl, sondern etwas, mit dem die großen Festivals noch nie punkten konnten: Ensemblegeist. Besonders unschön erweist sich dieser Mangel, wenn ein Regiekonzept genau darauf aufzubauen scheint. Noch unschöner ist es, wenn es sich dabei gar nicht um eine konzeptionelle Entscheidung handelt, sondern sich diese Idee bereits in der kompositorischen Anlage findet, unschön für die künstlerische Leitung, die den Regisseur ja letztendlich ausgewählt hat, sehr langweilig für das Publikum trotz flächenmäßig nahezu hundertprozentiger Auslastung der Bühne inklusive der Höhe.
Der leere Raum bleibt zu voll
Beginnen wir mit dem ersten Stück Cavalleria rusticana: Man fühlt sich sogleich erinnert an La dolce vita, Tim Burton ohne Pointen sowie Sin City, was das Bühnenbild angeht. Der auch für die zweite Oper als Grundgerüst dienende Einfall, die Bühne in sechs Kästen einzuteilen, in denen gleich einem lebendigen Comicheft die einzelnen Szenen quasi schnitthaft voneinander abgegrenzt werden können, wird gleich zu Beginn verschenkt: Noch im Vorspiel und bevor Turiddu von hinten die Auftrittsarie seiner Lola, d.h. hier, der von einer Wand abgetrennten Hinterbühne, entgegenflüstert, öffnen sich bereits alle drei oberen Kästchen. Hervor kommt eine Totale aus der Ferne des behaupteten sizilianischen Dorfs auf der rechten Seite, gefolgt von einer vergrößerten Aufnahme der Dächer links oben sowie zuletzt in der oberen Mitte besagter Jonas Kaufmann, der an einem Tisch in einem Zimmer sitzt, das sich später als Behausung von Santuzza und dem fiktiven Statistenkind der beiden herausstellt und noch ein paar Male in der langen Stunde bespielt werden soll. Die Idee der Aufteilung in sechs Bühnenausschnitte wirkt technisch insofern zwar sehr aufwendig und ist weiterhin das verbindende Element beider Stücke, weist allerdings darauf hin, dass es sich beim verwendeten Regisseur um jemanden vom Film handelt, der verzweifelt versucht, den Schnitt (neu) zu erfinden.
Punktuell gibt es weiterhin Großaufnahmen vereinzelter Protagonisten, die den SolistInnen einiges an schauspielerischem Grundvokabular abverlangen. Es folgt auch die Öffnung der unteren Bühnenausschnittszeile, die anfänglich über alle drei Kästen die sizilianische Dorfgemeinschaft durchgehend beherbergt, ein erster Missstand, den das Bühnenbild durch breite sichtbeeinträchtigende Pfosten zwischen den einzelnen Ausschnitten nur bedingt zufriedenstellend umsetzen kann. Bei Annalisa Stroppa, der Darstellerin der Lola funktioniert das Prinzip der projizierten Großaufnahmen noch erstaunlich gut, das subtil sowohl Kaufmann als auch sie aus der lebendigen Dorfszene herausstellt. Spätestens im bekannten Intermezzo, das Liudmyla Monastyrska minutenlang fokussiert, wirkt ihr unbeholfenes Starren am Anfang noch gefährlich, schnell jedoch leer und verkommt schließlich zu bloßer Affektiertheit, die hoffen lässt, dass das Zwischenspiel, das zum eigentlichen musikalischen Höhepunkt gerät, doch schnell vorübergeht. Ambrogio Maestri, der unter stereotypen Gesichtspunkten als Alfio in diesem Werk eine Idealbesetzung zu sein scheint, gelingt es eine sehr undurchsichtige und nur schwer deutbare Figur darzustellen, die eine Großaufnahme besonders interessant werden lässt, da sie keine Zustände aufzeigt und dem Zuschauer endlich einen eigenen Interpretationsspielraum ermöglicht, den man sich in dieser Produktion so sehr wünscht. Ohnehin gelingt es Stölzl quasi eine opernführerreife Handlung ohne inszenatorische Leistung und unkritisch auf die Szene zu übertragen, worüber auch das Zuviel an Effekten und Bildlastigkeit nicht hinwegtäuschen kann.
Hohe inszenatorische Ansprüche, die darstellerisch größtenteils unbefriedigt bleiben
Punktuell gibt es weiterhin Großaufnahmen vereinzelter Protagonisten, die den SolistInnen einiges an schauspielerischem Grundvokabular abverlangen. Es folgt auch die Öffnung der unteren Bühnenausschnittszeile, die anfänglich über alle drei Kästen die sizilianische Dorfgemeinschaft durchgehend beherbergt, ein erster Missstand, den das Bühnenbild durch breite sichtbeeinträchtigende Pfosten zwischen den einzelnen Ausschnitten nur bedingt zufriedenstellend umsetzen kann. Bei Annalisa Stroppa, der Darstellerin der Lola funktioniert das Prinzip der projizierten Großaufnahmen noch erstaunlich gut, das subtil sowohl Kaufmann als auch sie aus der lebendigen Dorfszene herausstellt. Spätestens im bekannten Intermezzo, das Liudmyla Monastyrska minutenlang fokussiert, wirkt ihr unbeholfenes Starren am Anfang noch gefährlich, schnell jedoch leer und verkommt schließlich zu bloßer Affektiertheit, die hoffen lässt, dass das Zwischenspiel, das zum eigentlichen musikalischen Höhepunkt gerät, doch schnell vorübergeht. Ambrogio Maestri, der unter stereotypen Gesichtspunkten als Alfio in diesem Werk eine Idealbesetzung zu sein scheint, gelingt es eine sehr undurchsichtige und nur schwer deutbare Figur darzustellen, die eine Großaufnahme besonders interessant werden lässt, da sie keine Zustände aufzeigt und dem Zuschauer endlich einen eigenen Interpretationsspielraum ermöglicht, den man sich in dieser Produktion so sehr wünscht. Ohnehin gelingt es Stölzl quasi eine opernführerreife Handlung ohne inszenatorische Leistung und unkritisch auf die Szene zu übertragen, worüber auch das Zuviel an Effekten und Bildlastigkeit nicht hinwegtäuschen kann.
Es bleibt eine Frage: Warum das alles und nicht viel mehr?
Subtrahiert man als Rezipient die bereits erwähnten burtonschen visuellen Elemente in Cavalleria, die in ihrem Potenzial alles andere als ausgeschöpft werden, fragt man sich, was ihn denn ausmacht, einen Stölzl, und kommt zu dem Schluss, dass er es uns in dem zweiten Stück “I pagliacci” verraten möge. Leider tut er es nicht und glaubt mit einigen Farbklecksen, die das Sepia vor der Pause im zweiten Teil in einer nahezu gleichen bühnenbildnerischen Anlage bunt einfärben, ein völlig neues Stück aufzuzeichnen. Ein Trugschluss, der in jemandem wie mir die Frage hervorruft, warum ich mir das zweite Werk überhaupt noch zumuten muss. Schließlich geht es in Cavalleria und Pagliacci hauptsächlich darum, dass Menschen aus Eifersucht sich am Opfer ihrer Liebe übereilt rächen wollen und sie dadurch in den Tod stürzen, eine Konstellation, die sich allerdings auch in einem nicht unbeträchtlichen Anteil der übrigen dramatischen Opernliteratur wiederfindet und meines Erachtens noch nicht erklärt, warum ausgerechnet diese beiden Werke geradezu traditionell aneinander gekoppelt werden und warum sich diese Tradition über mehr als ein Jahrhundert bewährt hat, eine Frage, mit der man sich als Regisseur gründlich auseinandergesetzt haben sollte und mithilfe deren Beantwortung sich auch konzeptionell ungeahnte Horizonte auftun könnten.
Die Antwort ist auch hier schnell gegeben: Man bleibt und tut sich zumindest den Beginn des zweiten Werkes an, weil man mit Dimitri Platanias einen charakterstarken Tonio für den Prolog gewinnen konnte, der sich trotz der Masse des Anfangsbilds, in dem eine Hinter-der-Bühne-Situation inklusive Maskenbildnern und Bühnenarbeitern schlecht dargestellt wird (so hat man zumindest das Gefühl zu verstehen, wie die schnellen Szenenwechsel hinter den sechs Bühnenausschnitten technisch möglich sind), versucht zu behaupten, der dies sicherlich auch vor verschlossenem Vorhang gekonnt hätte, was Herrn Stölzl vielleicht selbst etwas zu konventionell vorgekommen wäre. Der Rest der Oper erzeugt in Salzburg erneut Langeweile, vor allem, weil das viel dramatischere Werk gegenüber der musikalisch eingängigeren Cavalleria szenisch überzeugen muss. Abgesehen davon, dass Jonas Kaufmann jetzt noch jovialer und eine im Vergleich zu seiner Turiddu-Darstellung eher kinnbartlastigere Bartfrisur trägt, scheint sich bei den übrigen Solisten nicht viel verändert zu haben. Während der Gesang Liudmyla Monastyrskas den Gesamteindruck durch ein für die Rolle etwas zu starkes Vibrato ihrer ansonsten ausdrucksstarken Santuzza eher trübt, kann bei Maria Agresta von einer absoluten Fehlbesetzung der Nedda gesprochen werden. Darstellerisch fordert sie den Zuschauern auch von den hinteren Reihen einiges an Fantasie ab, um sie zum Lustobjekt der Mehrheit der männlichen Rollen der Oper werden zu lassen, darstellerisch überzeugt sie frühestens in der Commedia vor ihrem Tod, in der sie gekonnt gekünstelt den Ernst Canios herunterspielt, was wiederum mit der bereits aus der Cavalleria bekannten Großaufnahme inszenatorisch illustriert wird, gesanglich bleibt eine festspielgerechte Glanzleistung jedoch auf ganzer Linie aus. Sie fügt sich damit in das Gesamtbild, das einem die Produktion vermittelt. Als Fazit ließe sich sagen, dass Inhalt und Tiefe umso leerer wirken, je voller die Bühne ist und unglücklicherweise habe ich selten Produktionen gesehen, die mehr Platz mit irgendwelchen Objekten und Statisten ausgefüllt hätten als diese.
Was ist zu der Entscheidung Jonas Kaufmanns zu sagen, sich auf die Doppelrolle Turiddu/Canio einzulassen? Sicherlich hätte man sich gewünscht, mehr Facetten und Farben zu sehen, vor allem, da die beiden Rollen ja geradezu konträrer nicht sein können, handelt es sich doch bei Turiddu um den liebenden Betrüger, wohingegen Canio der betrogene Liebende ist. Jonas Kaufmann scheint zu denjenigen Menschen zu gehören, die auf jede Frage dieselbe darstellerische Antwort geben und sich das auch noch mit Zuspruch des Publikums erlauben können. Seine Interpretation beider Rollen gleicht jedoch eher einem Werther, den er vor einem Jahr in einer fantastischen Version an der Metropolitan Opera gegeben hatte, die jedoch leider mit keinem der Rollenprofile, die man ihm in Salzburg anvertraut hatte, etwas zu tun hatte und somit leicht deplatziert wirkte. In einem Interview, das auch auf der Homepage der Osterfestspiele publiziert wurde, erwähnt er dispositionelle Schwierigkeiten im Hinblick auf die Besetzung des Turiddus, die ihn dazu bewogen, neben der bereits angefragten Rolle des Canios auch die Tenorpartie in Cavalleria zu übernehmen. Ich appelliere hiermit an die unentdeckten Tenortalente dieser Erde, bei einem Vorsingen in Salzburg in Kürze auf sich aufmerksam zu machen, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden, sie könnten definitiv eleganter und überzeugender gelöst werden. Abgesehen davon scheint die musikalische Italianità bei Turiddu noch mehr als bei Canio stimmlich trotz einer souveränen Gesamtleistung bereits in der Generalprobe bei ihm unterm Strich weniger durch als bei Sängern wie José Cura, der in der jüngeren Vergangenheit mindestens genauso erfolgreich beide Rollen an einem Abend verkörpern konnte.
Vergleicht man seine Leistung jedoch mit den übrigen Solisten, so wird hier auf sehr hohem Niveau geklagt, einer weiteren Festspielneuheit, kannte man in den vergangenen Jahren doch zumindest vom Namen her mehr als einen Darsteller (Fleming, Hampson), mit dem eine solche Produktion dann zwangsläufig stehen und fallen muss. Kannte man sie nicht, konnte Salzburg mit Interpreten wie Regula Mühlemann zumindest für die so spärlich gesäten (positiven) Überraschungen sorgen, mit denen ein mangelndes Namedropping doch zwangsläufig kompensiert werden muss. Ein unglaublich gut klingender Sächsischer Staatsopernchor unter der Leitung von Jörg Hinnerk Andresen wie er in diesem Jahr definitiv konstatiert werden darf, ist meines Erachtens noch zu wenig, um auch nur ansatzweise die schlechte Luft im Salzburger Festspielhaus und die doch über Stadt- und Staatstheaterniveau liegenden Eintrittspreise langfristig zu rechtfertigen.
Nur Jonas Kaufmann ist tatsächlich in beiden Opern zu sehen.
Die Antwort ist auch hier schnell gegeben: Man bleibt und tut sich zumindest den Beginn des zweiten Werkes an, weil man mit Dimitri Platanias einen charakterstarken Tonio für den Prolog gewinnen konnte, der sich trotz der Masse des Anfangsbilds, in dem eine Hinter-der-Bühne-Situation inklusive Maskenbildnern und Bühnenarbeitern schlecht dargestellt wird (so hat man zumindest das Gefühl zu verstehen, wie die schnellen Szenenwechsel hinter den sechs Bühnenausschnitten technisch möglich sind), versucht zu behaupten, der dies sicherlich auch vor verschlossenem Vorhang gekonnt hätte, was Herrn Stölzl vielleicht selbst etwas zu konventionell vorgekommen wäre. Der Rest der Oper erzeugt in Salzburg erneut Langeweile, vor allem, weil das viel dramatischere Werk gegenüber der musikalisch eingängigeren Cavalleria szenisch überzeugen muss. Abgesehen davon, dass Jonas Kaufmann jetzt noch jovialer und eine im Vergleich zu seiner Turiddu-Darstellung eher kinnbartlastigere Bartfrisur trägt, scheint sich bei den übrigen Solisten nicht viel verändert zu haben. Während der Gesang Liudmyla Monastyrskas den Gesamteindruck durch ein für die Rolle etwas zu starkes Vibrato ihrer ansonsten ausdrucksstarken Santuzza eher trübt, kann bei Maria Agresta von einer absoluten Fehlbesetzung der Nedda gesprochen werden. Darstellerisch fordert sie den Zuschauern auch von den hinteren Reihen einiges an Fantasie ab, um sie zum Lustobjekt der Mehrheit der männlichen Rollen der Oper werden zu lassen, darstellerisch überzeugt sie frühestens in der Commedia vor ihrem Tod, in der sie gekonnt gekünstelt den Ernst Canios herunterspielt, was wiederum mit der bereits aus der Cavalleria bekannten Großaufnahme inszenatorisch illustriert wird, gesanglich bleibt eine festspielgerechte Glanzleistung jedoch auf ganzer Linie aus. Sie fügt sich damit in das Gesamtbild, das einem die Produktion vermittelt. Als Fazit ließe sich sagen, dass Inhalt und Tiefe umso leerer wirken, je voller die Bühne ist und unglücklicherweise habe ich selten Produktionen gesehen, die mehr Platz mit irgendwelchen Objekten und Statisten ausgefüllt hätten als diese.
Eine für alle, alle für keinen
Was ist zu der Entscheidung Jonas Kaufmanns zu sagen, sich auf die Doppelrolle Turiddu/Canio einzulassen? Sicherlich hätte man sich gewünscht, mehr Facetten und Farben zu sehen, vor allem, da die beiden Rollen ja geradezu konträrer nicht sein können, handelt es sich doch bei Turiddu um den liebenden Betrüger, wohingegen Canio der betrogene Liebende ist. Jonas Kaufmann scheint zu denjenigen Menschen zu gehören, die auf jede Frage dieselbe darstellerische Antwort geben und sich das auch noch mit Zuspruch des Publikums erlauben können. Seine Interpretation beider Rollen gleicht jedoch eher einem Werther, den er vor einem Jahr in einer fantastischen Version an der Metropolitan Opera gegeben hatte, die jedoch leider mit keinem der Rollenprofile, die man ihm in Salzburg anvertraut hatte, etwas zu tun hatte und somit leicht deplatziert wirkte. In einem Interview, das auch auf der Homepage der Osterfestspiele publiziert wurde, erwähnt er dispositionelle Schwierigkeiten im Hinblick auf die Besetzung des Turiddus, die ihn dazu bewogen, neben der bereits angefragten Rolle des Canios auch die Tenorpartie in Cavalleria zu übernehmen. Ich appelliere hiermit an die unentdeckten Tenortalente dieser Erde, bei einem Vorsingen in Salzburg in Kürze auf sich aufmerksam zu machen, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden, sie könnten definitiv eleganter und überzeugender gelöst werden. Abgesehen davon scheint die musikalische Italianità bei Turiddu noch mehr als bei Canio stimmlich trotz einer souveränen Gesamtleistung bereits in der Generalprobe bei ihm unterm Strich weniger durch als bei Sängern wie José Cura, der in der jüngeren Vergangenheit mindestens genauso erfolgreich beide Rollen an einem Abend verkörpern konnte.
Sie werden sich ohnehin nur an Jonas Kaufmann erinnern
Deutsch-akkurater Dirigierstil als musikalischer Schwachpunkt
Wo lässt sich Christian Thielemann nun in dieser Gesamtaufstellung einordnen? In der Cavalleria beschleicht einen jedenfalls stellenweise das Gefühl, dass er überhaupt nicht da ist. Der in der Generalprobe sehr weit oben befindliche Orchestergraben gewährt Einblicke, die ihn erstaunlich nah am Takt hängen lassen, Einsätze gelingen sowohl im Graben als auch bei den Solisten oftmals nur unsauber, auch beim Klangergebnis scheint man einen deutschen Dirigenten zu hören, der ohne jegliche Sprachkenntnisse versucht ein italienisches Werk zum Klingen zu bringen. Rhythmisch gelingen zwar auch schwierige Passagen erwartungsgemäß sauber und akkurat, doch genau daran scheint das musikalische Konzept größtenteils zu scheitern. Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, dass es sich hier um ein organisches Produkt handelt, sondern nur um geradezu autistisch aneinander gereihte Einzelteile, die in sich zwar vollendet geprobt scheinen, aber deren Präzision letztendlich auch das Scheitern begründen, das einmal mehr konstatiert, warum Thielemann ein ausgezeichneter Interpret deutscher Komponisten ist, zu denen Mascagni und Leoncavallo trotz wagnerischer Züge, die zwar gekonnt herausgearbeitet werden, letztendlich nicht gezählt werden können. Die Sänger gehen zumindest ab den Reihen hinter dem Regiepult unter in der Wucht der Sächsischen Staatskapelle, die ausschließlich in den rein instrumentalen Nummern der beiden Werke wirklich erstrahlt. Ansonsten scheint dies wohl auch dadurch begründet zu sein, dass die Bühnenaufbauten sehr viel der gesanglichen Akustik zu schlucken scheinen, da die einzige Nummer, die wirklich bewusst vor besagten Aufbauten vorgetragen wird, namentlich der besagte Prolog in Pagliacci, zu einer in dieser Produktion seltenen musikalischen Glanzleistung wird, wobei hier nur wenige Zentimeter quasi den Unterschied machen.
Abschließend möchte ich noch eine Produktion beider Werke hervorheben, die ich vergangenes Jahr in Bratislava an der dortigen Oper besucht hatte: Obwohl sich dort kein Jonas Kaufmann im Ensemble befand und die Vorstellung an Konventionen und Theatergesetzen kaum zu überbieten war, so war doch genau das die Stärke der dortigen Inszenierung: Eine Repertoireopernvorstellung, die aus ihrem Ensemble das Maximum an Potenzial rausholt, und zwar durch die Aktivierung der ensembleeigenen Kraft des Miteinanders. Da es in Salzburg von vorne bis hinten und oben und unten an dieser Eigenschaft gefehlt hatte, so wünscht man sich für zukünftige Jahrgänge lieber wieder Werke, die man eben nicht im Stadttheater XY ungelöst jederzeit besuchen kann, sondern für die es sich lohnt extra nach Salzburg zu fahren. Bitter ist, dass es den dortigen Publikumsgeschmack wohl getroffen hat. Das ist legitim, aber an Belanglosigkeit nicht mehr zu übertreffen und man muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob es wirklich im Interesse der öffentlichen Hand sein kann, unkritisch den Massengeschmack zu bedienen, wenn man in dieser luxuriösen Situation doch zumindest so tun könnte, als ob man mit Theater und Musik sowieso die Welt verändern könne.
