Ich hätte skeptisch sein sollen: Der Saalplan der Deutschen Oper war am vergangen Samstagmorgen geschätzt halbleer. Auch die Dankessalven auf der Homepage waren klar und deutlich zu erkennen, die die Kooperationsbereitschaft des Regieteams anpriesen aufgrund der aktuellen Einschränkungen, die ein Wasserschaden dem Haus auch noch Wochen später zusetzt. Meine schlechte Stimmung nach einer Zauberflöten-Produktion in Stockholm dieses Regisseurs vor ein paar Jahren sollte mich ebensowenig von einem Besuch dieser Vorstellung abhalten wie die wenig schlüssige Begründung des Chefdramaturgen in der Einführung, warum man das Stück ausgerechnet nach Mexiko verlegen muss. Warum ich nicht von meinem Sitz aufgesprungen und weggelaufen bin, als der Operndirektor Christoph Seuferle persönlich kurz vor Vorstellungsbeginn vor dem "Lappen", wie er ihn scherzhaft zu nennen pflegt, bekannt gab, dass er nicht in der Lage war, einen gescheiten Ersatz für die Carmen des Abends zu besorgen, bei der es sich nicht einmal um die Premierenbesetzung handelte, und dass man das Stück folglich mit einer stimmlich indisponierten Carmen geben werde, weiß ich leider selbst nicht mehr. Es mag an dem mir angeborenen Geiz liegen, oder daran, dass ich mein Geld ohnehin nicht zurückbekommen würde, weniger daran, dass ich ein s.g. Aficionado wäre, vielleicht an meiner Begleitung, die meine Vorkehrungsmaßnahmen zu gehen möglicherweise missverstanden hätte.
Aus dem Graben ließ die Ouvertüre ebenfalls auf nichts Gutes schließen. Auch die lange Pause zwischen Anfangsapplaus und tatsächlichem Auftritt des Dirigenten schien wohl ein Warnschuss ins Leere gewesen zu sein und so nahm das Unheil seinen Lauf, zu meinem Bedauern eher hinter den Kulissen und nicht innerhalb des Bühnengeschehens: Ja, das Orchester hat es eilig in dieser Interpretation, nein, es ist nicht einem möglicherweise auf das andalusische Sujet anspielenden Temperament geschuldet. Schon mit dem ersten Takt hat man den Eindruck, dass der "junge deutsche Dirigent" Nikolas Maximilian Nägele in Anlehnung an die Filmsequenz "El Amante Menguante" aus dem Film "Sprich mit ihr" von Pedro Almodóvar sich in den körperlichen Abgründen der Weiblichkeit der Titelfigur verliert und nicht mehr nach Hause findet. Es ist ihm nicht zu verübeln. Ich will mich auch verstecken. Klar, diese Carmen hat alles, was sie haben soll, wird der eine oder andere geneigte Zuschauer einwenden: Es gibt - trotz Wasserschaden - eine überdimensionierte Arena, und es mag skandinavisch-praktisch sein, dass diese gleichzeitig als Zigarettenfabrik, Zigeunerversteck und überhaupt bespielt werden kann. Ansonsten gibt es einen Stier, ein stereotypisiertes Carmenkostüm, oder zumindest das, was sich das Regieteam darunter vorstellt, zumindest ist es rot und damit bedeutungsschwer. Don José kommt im fast schon aufführungstraditionellen olivgrünen Militärlook daher und Micaëla könnte ein Model aus einem IKEA-Katalog sein, zumindest die Frisur ist originell, wenngleich völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Nunja, Escamillo ist hoffentlich eine Parodie im zitronengelben Torero-Kostüm und auch sonst kommt alles fast schon konventionell daher, wären da nicht die autistisch anmutenden Regieeinfälle im weiteren Verlauf der Handlung, die zunächst nur stören, aber spätestens nach dem 2. Akt vollkommen falsch im Sinne von nicht richtig wirken.
Schlimm ist, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, sich gegen diese Aufführung auszusprechen. Jedenfalls kann Irene Roberts froh sein, dass sie bereits als krank eingeführt wurde, das Mitleid des Publikums ist ihr so sicher, eine besonders glaubwürdige Carmen gibt sie jedenfalls nicht ab, eher eine, die dasteht, sitzt, die Bewegungsabläufe des Regisseurs erträgt und den Zuschauer so sehr in ein Koma versetzt, dass dieser bereits bei ihrer "Seguidilla" nicht mehr klatscht. Ich bin bereits vor ihrer Auftrittshabanera so frustriert, dass ich mir Magdalena Kožena zurückwünsche und das obwohl ich immer noch der Überzeugung bin, dass sie ihrer Karriere mit dieser Rolle in Salzburg einen Bärendienst erwiesen hat, Ehefrau von Sir Simon hin oder her. Ein viel größeres Problem, über das auch eine stimmliche Indisponiertheit nicht hinwegtäuschen kann, ist meiner Ansicht nach, dass sie einfach nicht die für die Rolle notwendigen Tiefen in der Stimme besitzt und insofern eine eindeutige Fehlbesetzung ist. Das sollte an der Deutschen Oper jedenfalls nicht passieren, nicht im größten Berliner Opernhaus, nicht an einem Samstagabend und schon gar nicht in einer ABC-Oper, zu der Carmen nunmal zählt.
Um ein szenisches Argument in die Runde zu werfen: Die Idee, Carmen Liebe für Don José empfinden zu lassen, ist spätestens dann nicht mehr tragbar, wenn sie Escamillo zum ersten Mal begegnet. Sie irritiert beim Verständnis der Musik im weiteren Verlauf und natürlich hat die Darstellerin der Titelfigur allerhand zu tun, sich mit so einer Interpretation anzufreunden, zu Lasten der Glaubwürdigkeit, versteht sich. Es hilft dabei auch nichts, Escamillo dramaturgisch als Karikatur völlig zu entwerten, schließlich wirkt sich die plumpe Sichtweise auch negativ auf die Darstellung durch Markus Brück aus. Möglicherweise fühlt dieser sich darstellerisch wohl in der Rolle des Blödelbarden, aber musikalisch schwappt die Parodie stellenweise unangenehm auf seine stimmliche Leistung über und mutiert zu einem weiteren der zahlreichen Sorgenkinder des Abends.
Charles Castronovo als Don José scheint ein Lichtblick zu sein. Er enttäuscht kurzzeitig, da er in seiner Blumenarie der Partitur nicht vertraut und seinen Spitzenton in forte herausschmettert, ihn aber sogleich auf ein durchaus annehmbares pianissimo (wie gefordert) reduziert. Wer will es ihm allerdings verübeln, dass er somit möglicherweise eine der wenigen Sternstunden des Abends hervorbringen möchte und einen eigentlich leisen Ton heldenhaft herausschmettert. Den Don-José-Test hat er an dieser Stelle mit grandezza versemmelt. Ein begnadeter Sänger ist er trotzdem und darstellerisch eigentlich ganz gut besetzt, auch wenn man es ihm nicht vorwerfen kann, dass ihm keine gleichwertigen Spielpartner zur Seite gestellt sind.
Heidi Stober als Micaëla ist ebenfalls ein Problem. Sie betritt perfekt gestylt die Bühne und scheint im Gegensatz zu ihren KollegInnen zwar aus dem falschen, dafür aber aus einem Jahrhundert zu kommen, mutmaßlich aus den 50er Jahren. Mit einer ordentlichen Portion Slapstick (, die sich der Zuschauer bitte vor Betreten der Vorstellung aus dem Keller zu holen hat), wird sie in ihrer Auftrittsszene von allen möglichen Soldaten vergewaltigt, und zwar im besten „Stumme Jule“-Stil. Mangels anderer handwerklicher Fähigkeiten auf eine entsprechende Geilheit hinzuweisen und im Zuge der Unfähigkeit entsprechende Gefühle möglicherweise aus der Musik abzuleiten, beschließt der Regisseur dann die sonst unsinnigen Maschinenpistolen als Phallussymbol zu verwenden und lässt sie die männlichen Soldaten im rechten Winkel auf Genitalhöhe halten. Frisch vergewaltigt oder auch nicht steht Micaëla wieder auf und rennt wie in einem nicht minder langweiligen Spiel im Sportunterricht staffellaufmäßig alle immer noch geilen Soldaten ab und bewirkt mit einer zauberspruchhaften Geste ihrer Hände, die entfernt an Bibi Blocksberg erinnert, den Operntod der Libido besagter Herren. Die Frisur sitzt immer noch, Micaëla tritt wieder ab.
Auch in ihrer Arie meint man es nicht gut mit ihr. Zwischen auf der Arena/Zigarettenfabrik/Flüchtlingscheckpoint verstreuten Leichen, die einer Organhandelfantasie von Ole Anders Tandberg, dessen Name an dieser Stelle leider mal genannt werden muss, entstammen, bekommt einen ein noch unguteres Gefühl, das man in dieser Arie allerdings auch vor verschlossenem Vorhang haben könnte, wenn die Interpretation stimmt. Das ungute Gefühl ist zwar da, aber es stammt aus „The Walking Dead“ und man ahnt, dass ein deutsches Opernhaus im Jahre 2018 nicht ganz an die Special Effects einer US-Mainstream-Serie herankommen kann, auch wenn ich mich zumindest lange frage, ob das Statisten sind, die dort liegen, oder ob man es sich einfach mal etwas hat kosten lassen, diese Figuren auch in zukünftigen Jahrgängen des Hauses dem Zuschauer beim Programmpunkt „Carmen“ vorzuwerfen. Jedenfalls präsentiert Frau Stober hier trotz stellenweise zu metallischen Passagen und einer völlig unglaubwürdigen Figurenanlage eine souveräne Leistung. Es würde keinen Sinn machen, weiter ins Detail zu gehen und wenn man der Biographie des Regisseurs auf der Internetpräsenz der Deutschen Oper glauben darf, die Herrn Tandberg als einen der profiliertesten Theatermacher Skandinaviens ausweist, sollte man sich ernsthaft Sorgen um den Zustand der skandinavischen Musiktheaterbranche machen, vor allem jetzt, da dortige Kulturpaläste in Oslo, Kopenhagen, aber auch Göteborg, Stockholm oder Helsinki geradezu dazu einladen gute Oper zu machen.
Zusammenfassend also das Fazit, dass hier eine Carmen stattfindet, die nicht aufregt, weil diese Art von Regietheater irgendwie auch schon antiquiert ist, eine, die kein Zusammenspiel der Mitwirkenden in der sehr ensemblelastigen Vorstellung erkennen lässt, eine, die musikalisch vom Graben bis zu den Nebendarstellern durchfällt und eine, die auch bei gesunder Hauptdarstellerin und uneingeschränkt funktionierender Haustechnik mehr als enttäuscht. Ein kleiner Ausflug ins zweieinhalb Flugstunden entfernte Barcelona sei mir an dieser Stelle vergönnt: Hier fand und findet in der Saison 2017/2018 im Palau de la Música eine szenische Einrichtung für Touristen (?) durch das Musiktheaterkollektiv NovAria Artists der besuchten Oper ohne Dialoge statt. Ein musikalisches „Naja“ täuscht mich rückblickend jedoch nicht darüber hinweg, dass hier eine erstklassige Ensembleleistung stattfand und viele szenische Einfälle hervorragend aus der Musik herausgearbeitet wurden. Sollte man die Produktion an der Deutschen Oper gemocht haben, ist ein Besuch der Veranstaltung in Barcelona dringend zu empfehlen. Besonders hervorzuheben ist die Besetzung der dortigen Micaëla: Mireia Tarragó, die als eine von drei alternierenden Besetzungen dort auch das musikalisch versierte Ohr entschädigen wird.
