Frau Herr Haushofmeister
"Sie suche ich im ganzen Hause." Dass Sie ihn am falschen Hause suchen und nicht finden werden, ist in Berlin im Jahre 2015 gar nicht so unwahrscheinlich. Hans Neuenfels, der Regisseur der Neuinszenierung der Oper "Ariadne auf Naxos" an der Staatsoper im Schillertheater, macht es einem auch nicht gerade einfach, ihn einer der drei unterschiedlichen künstlerischen Handschriften der drei Opernhäuser klar zuzuordnen. Es ist noch nicht so lange her, dass er an der Komischen Oper Berlin die Opern "Lear" und "La Traviata" inszeniert hatte, parallel dazu kann man noch weitere ins Repertoire übergegangene Werke von ihm an selbigem Haus bestaunen, auch an der Deutschen Oper Berlin ist der Name Neuenfels spätestens nach dem dortigen Idomeneo-Skandal ein Begriff, auch wenn seine Inszenierung eigentlich den Kopf der damaligen Intendantin Kirsten Harms ins Rollen brachte und Herr Neuenfels hingegen auch in der Spielzeit 2015/16 wieder mit der Produktion von "Il Trovatore" an der Bismarckstraße vertreten sein wird, und zwar nicht dort, wo man als Ortsfremder fälschlicherweise die Schillerstraße vermuten würde, sondern einige hundert Meter weiter in Richtung Westen. Nun also auch an der Staatsoper: Somit tut er es Opernregisseuren wie Stefan Herheim gleich, der die behauptete Mär der drei voneinander (künstlerisch) unabhängigen Opernhäuser in Berlin mit einer Neuinszenierung des Rings schon bald stark bezweifeln lassen wird. Nun denn, Neuenfels hat Tradition und vielleicht ist es auch eine Schande, dass man in den letzten Jahren nicht früher etwas vom Altmeister der Theaterskandale auf der heutigen Baustelle Unter den Linden gesehen hat. Ein Besuch der "Ariadne" sollte mich eines Besseren belehren. Interessant empfand ich den Umstand, dass ich jeden Luftzug, der mir an diesem Abend durch die Haare zog mit dem Prädikat "Staatsoper" versah. Möglicherweise bin ich mit dieser Eigenschaft eine nicht ernstzunehmende Minderheit, allerdings würde das für die Marke bedeuten, dass sie mittlerweile so stark ist, dass sie sogar in einem ganz anderen Kontext immer noch als qualitativ hochwertiges Ursprungsprodukt betrachtet wird. Das wäre also so, als würde man sich bei Burger King wie bei Mc Donald's fühlen. Möglicherweise geht es dem einen oder anderen Restaurantbesucher dieser beiden Ketten auch genau so. Ob solche Gefühle allerdings in die Kulturinstitution gehören, steht auf einer anderen Speisekarte.
Das Orchester erschien mir sogleich unheimlich nahe. Auffällig viele männliche Musiker tragen derzeit einen Undercut, eine Cellistin trägt einen auffälligen Ring beim Spielen am Finger und bereits während der vorgesehenen Startzeit um 19:30 Uhr wurde noch ein Harmonium ausgetauscht, wobei dieser technische Vorgang vor Publikum (und definitiv nicht vor vollem Haus) für einen Moment nach Inszenierung aussah. Nachdem ich mich dann kurz gegen mein Schienbein getreten hatte, sagte ich mir, dass ich weder bei Christoph Marthaler noch Peter Konwitschny bin (wenngleich in Berlin) und einmal mehr rief ich mir den Stempel "Staatsoper" in Erinnerung. Die physische Nähe zu diesem Klangkörper wirkte auf mich komischerweise bedrückend und der durchaus solide gehorchenden Staatskapelle Berlin unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher gelang es mit seltsamen Auftritten des Orchesterwarts und zu nahen Gesichtern mir zur Abwechslung auch die Assoziation "Gewerkschaft" zu entlocken. Um das Dirigierkonzept der Person, die nicht Daniel Barenboim ist, im Falle "Ariadne" mit einem Wort zu beschreiben, würde "langsam" ganz gut passen. Vereinzelte Ausbrüche in Richtung Hetze oder gar Beschleunigung des Orchesters wurden sicherlich mit Blicken bestraft, da sie nur bedingt stattfanden. Interessanterweise zogen sich die gesprochenen Passagen des Haushofmeisters, also Frau Neuenfels, die eigentlich Elisabeth Trissenaar heißt, ebenfalls in die Länge, allerdings nicht, weil sie langweilig gewesen wären, sondern vielmehr, weil sie den auf Tonaufnahmen ohnehin oftmals nur wenig Aufmerksamkeit geschenkten Passagen des Haushofmeisters, endlich einmal inhaltliche Substanz verlieh, möglicherweise mit einem Tick zu viel Pathos, dennoch handelte es sich bei dieser Form um Langsamkeit um eine, die man sich besonders in der Oper der Oper später noch gewünscht hätte.
Auch die Regie lässt sich in einen durchaus gelungenen ersten Teil und einen dafür umso enttäuschenderen zweiten Teil gliedern. Möglicherweise ist diese Kontrastierung nach heutigen Vorstellungen über Ästhetik ein Qualitätsmerkmal, allerdings gäbe es sicherlich andere Künstler, die eine etwas aufregendere Interpretation dieses Stückes parat gehabt hätten. Neuenfels hatte sie jedenfalls nicht. Das Bühnenbild erinnerte mich sehr schnell an das im Stück anklingende Labyrinth des Minotaurus, durch das sich der Ariadnefaden spinnt und der in diesem Fall den Zuschauer an das glückliche Ende führen soll. Wir begegnen in diesen weißen Gängen allerdings ausschließlich Typen und weniger Charakteren, die eher nach verkrachten Existenzen aussehen und wenig Entwicklung im Verlauf des Stückes erfahren, weder im Vorspiel noch im anschließenden Nachspiel. Dass dies ein Nachspiel geben würde, wurde mir erst klar, als das erste Fünftel der Oper, vor der es eine dramaturgisch sehr unkluge Pause für die Gastronomie im Schillertheater gab, verklungen war. Interessant war jedenfalls auch in dieser Inszenierung, dass der Regisseur weniger Wert auf die äußeren Begebenheiten des Stückes gelegt hatte und nahezu ausschließlich die Figuren und deren Weg durch das Stück inszeniert hatte. Als einziges konkretes Element fand sich hier gegen Ende des Vorspiels ein Geldautomat an der hinteren Wand wieder, der allerdings nur Dekoration blieb. Weiterhin schien beabsichtigt, die durch den Haushofmeister spürbar vermittelte (und leider auch oft personifizierte) Machtausübung innerhalb eines stark hierarchisch geprägten Systems (Willkommen in der Oper!) klar aufzuzeichnen. Man hätte sich gewünscht auch im zweiten und rein zeitlich um Längen reicheren Teil der Oper diese Konstellationen nochmals vermittelt zu bekommen, und zwar nicht nur als stumme Jule der beteiligten Protagonisten. Stattdessen bestand dieser aus einem peinlich anmutenden Seiltanz der drei Nymphen um die größtenteils schlafende und später suizidierende Titelheldin, ein inkonsequenter Regiegriff, der leider nicht über die grassierende generelle Einfallslosigkeit, die einem Neuenfels eigentlich nicht gerecht wird, hinwegtäuschen konnte. Abgesehen davon fiel wie erhofft eine Zerbinetta-Arie auf, deren Interpretin an diesem Abend wohl auch 98% aus dem menschlich Machbaren aus dieser Rolle herausholte. Nicht zuletzt überraschte ein für Roberto Saccà eingesprungener Burkhard Fritz, indem er als Bacchus endlich einmal nicht versuchte über das Orchester zu schreien, sondern wohlklingend in der wenngleich kammermusikalischen Wucht ganz im Sinne von Strauss versank und durchaus nie gehörte Nuancen aus dieser Rolle rausholte, auch wenn er szenisch am besten dort hätte stehen bleiben sollen, wo ihn der Regisseur am Ende des Stückes haben wollte, nämlich im Orchestergraben. Ich möchte mich davor hüten ihm szenische Untauglichkeit vorzuwerfen, aber etwas seltsam wirkte es doch, dass er weite Passagen der Oper mit nahezu geschlossenen und nicht zuletzt zusammengekniffenen Augen hervorbrachte, wobei der eigentliche Klang glücklicherweise nicht dem dabei eingenommen Gesichtsausdruck des Tenors entsprach. Auch in dieser Produktion ging die Rolle der Ariadne, die von Camilla Nylund interpretiert wurde, hinter der Zerbinettas zumindest in puncto Virtuosität, aber leider auch hinsichtlich darstellerischer Überzeugungskraft kläglich unter, einer Problematik, der sich eine Regie eigentlich stellen sollte, was sie hier wie die Produktion schnell erwarten ließ, selbstverständlich nicht tat. Es wäre unfair, die teilweise aus einer Art Opernstudio entnommenen kleinen Partien des Abends der Reihe nach runterzumachen, allerdings tut es mir stellenweise selbst seelisch weh, wenn sich das Prädikat "Staatsoper" schnell in das Schimpfwort "Staatstheater" umwandelt, wie das hier leider größtenteils der Fall war. Als Lichtblick jedoch Marina Prudenskaya: Die russische Mezzosopranistin riss musikalisch wie szenisch das Heft im Vorspiel an sich und fast wirkte es wie ein Lichtblick, als sie zu gegebener Zeit und wohl doch auf Anweisung der Regie in der Oper später das eine oder andere Mal nochmals stumm auftrat. Hier hätte man sich gewünscht, Strauss hätte der Ariadne einiges weggenommen, den Bacchus gestrichen und dem Komponisten mindestens zwei weitere zynische Seitenkommentare a parte oder auch direkt im zweiten Teil des Werkes geschenkt, schwierig ist die Oper ohnehin schon.
Bevor ich mich in Beschimpfungen und verärgerten Kommentaren verliere, sei als Fazit vermerkt: Alles, was die Oper "Ariadne auf Naxos" anbietet, war in dieser Produktion der Staatsoper im Schillertheater vertreten. Es ist nur schade, wenn dieses "Alles" größtenteils hinter der Bühne stattfindet und sich in durchaus unprofessionellen privaten Gesten der oftmals hilflosen Darsteller äußert und nicht auf einer Ebene innerhalb der szenischen Umsetzung. Ein Neuenfels macht eben noch keine Inszenierung, zwei übrigens auch nicht.
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